Die Kirche – meine Stube des Herzens


    Mit spitzer Feder …


    (Bild: zVg)

    Es gibt Orte, die sind magisch. Orte, an denen eine eigentümliche Energie spürbar wird, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet. Orte, die nach Leben riechen und zugleich auf wundersame Weise auch nach dem Vergänglichen. Orte, an denen die Liebe klingt – verheissungsvoll, leise, kraftvoll und hoffnungsvoll. Kirchen sind solche Orte. Sie sind für mich Orte der Ruhe, der Geborgenheit, der Stille, der Hoffnung und der Liebe. Dort fühle ich mich mit etwas verbunden, das grösser ist als ich selbst – mit der Ewigkeit, mit Gott, mit etwas, das trägt, wenn alles andere wankt. Wenn ich eine Kirche betrete, ist das für mich wie ein heiliger Akt. Ein Ritual, das sofort etwas in mir verändert. Mein Nervensystem kommt zur Ruhe und Körper, Geist und Seele finden wieder in eine Art Balance. Und alles ist gut. Kirchen sind für mich eine zweite Stube.

    Wo immer ich bin, zieht es mich zuerst in eine Kirche. Dort kann ich alles ablegen: Sorgen, Freuden, Gedanken, Fragen. Und selbst wenn in mir ein Sturm tobt, schenkt mir diese kirchliche Stube Geborgenheit und tiefen Frieden. Neben der Stadtkirche in Zofingen und meiner Taufkirche in Langenthal gehört die Dreifaltigkeitskirche in Bern zu meinen Lieblingskirchen. Wenn ich in Bern arbeite, besuche ich sie oft um zu meditieren, zu beten und ein Kerzlein anzuzünden. Dieses mittägliche Ritual ist fest in meinem Leben verankert. Es gibt kaum eine Woche, in der ich nicht ein paar Mal in einer Kirche bin und im stillen Gespräch mit dem Göttlichen zur Ruhe komme. Und jedes Mal ist es, als würde sich etwas in mir neu ordnen. Leise. Unspektakulär. Aber tief. Wenn ich eine Kirche betrete und das Licht durch die bunten Fenster fällt, spüre ich etwas, das im Alltag verloren geht: Hoffnung. Nicht die laute Hoffnung der grossen Versprechen, sondern die stille Hoffnung, dass wir nicht allein sind. Dass Gott auch in den zerbrechlichen Momenten unseres Lebens gegenwärtig bleibt.

    Unsere Zeit ist laut geworden. Jeden Tag prasseln Nachrichten, Erwartungen und Unsicherheiten auf uns ein. Viele Menschen funktionieren nur noch. Sie hetzen von Termin zu Termin und tragen dabei Sorgen mit sich herum, über die kaum mehr gesprochen wird. Einsamkeit ist längst nicht mehr nur ein Thema alter Menschen. Auch junge Menschen fühlen sich oft verloren, obwohl sie ständig mit der Welt verbunden sind. Und mitten in dieser Unruhe steht die Kirche. Manchmal still. Manchmal unsicher, wie sie Menschen noch erreichen kann. Doch vielleicht liegt ihre Stärke gerade nicht darin, modern oder spektakulär zu sein. Vielleicht liegt ihre Kraft in etwas viel Einfacherem: darin, ein Ort zu sein, an dem Menschen zur Ruhe kommen dürfen. Kirche geschieht nicht nur während der Predigt oder im Gottesdienst. Kirche geschieht dort, wo eine ältere Frau nach Jahren wieder jemandem ihre Geschichte erzählt. Dort, wo ein Kind eine Kerze anzündet für seine kranke Grossmutter. Dort, wo jemand im Stillen für einen anderen betet. Dort, wo Menschen füreinander Zeit haben.

    Vielleicht unterschätzen wir die Kraft dieser kleinen Dinge. In einer Welt, die immer grösser, schneller und digitaler wird, werden menschliche Nähe und echtes Mitgefühl zu etwas Kostbarem. Die Kirche muss nicht perfekt sein, um wichtig zu bleiben. Aber sie muss ein Ort sein, an dem Menschen Wärme finden. Denn Glauben beginnt oft nicht mit Antworten. Glauben beginnt manchmal mit einem offenen Ohr. Mit einer Umarmung. Mit einem stillen Gebet. Mit dem Gefühl, trotz aller Brüche angenommen zu sein. Eine echte Stube hat immer Platz für Menschen. Für Fröhliche und Traurige. Für Glaubende und Zweifelnde. Für Suchende und Hoffende. Vielleicht ist genau das die Aufgabe der Kirche in unserer Zeit: nicht zuerst lauter zu werden, sondern menschlicher. Nicht perfekte Antworten zu liefern, sondern Hoffnung lebendig zu halten.

    Und vielleicht beginnt das Reich der göttlichen Mächte manchmal ganz unscheinbar – bei einer offenen Tür, einer brennenden Kerze und einem Menschen, der sagt: «Schön, dass du da bist.» Und vielleicht könnte die Kirche wieder mehr zu einer solchen Stube werden – zu einer Stube des Herzens.

    Herzlichst,
    Ihre Corinne Remund
    Verlagsredaktorin

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